Auswirkungen des Mindestlohns in Landwirtschaft und Gartenbau: Erfahrungen aus dem ersten Jahr und Ausblick

Zusammenfassung In dieser Studie werden die Auswirkungen der Einführung des Mindestlohns in Deutschland auf die Landwirtschaft und den Gartenbau hinsichtlich der Kosteneffekte, der Anpassungsstrategien und der praktischen Probleme in der Umsetzung untersucht. Mittels Interviews mit Experten/- innen und einer bundesweiten Befragung von Betriebsleitern/-innen wurden Daten zu Veränderungen in den gezahlten Löhnen zwischen 2014 und 2015, zu betrieblichen Anpassungsstrategien und geplanten Veränderungen in den Produktionssystemen erhoben. Umsetzungsprobleme wurden identifiziert und bewertet. In Fallstudien zum Anbau von Äpfeln, Erdbeeren und Spargel wurden anhand typischer Produktionssysteme die Kosteneffekte des Mindestlohns in verschiedenen Lohnszenarien berechnet. Die Ergebnisse zeigen, dass der Mindestlohn die landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betriebe vor große Herausforderungen stellt. Die Löhne für Saisonarbeitskräfte sind in 2015 im Durchschnitt um circa 11 % im Vergleich zum Vorjahr angestiegen, für ständige Arbeitskräfte um 4 % bis 5 %. In der praktischen Umsetzung bewerteten die Teilnehmer/-innen an der Umfrage den Verwaltungsaufwand für Arbeitszeitaufzeichnungen und weitere Dokumentationspflichten als derzeit wichtigstes Problem. Dies trifft in besonderem Maße für kleinere Betriebe zu. Auch die Anforderungen des Arbeitszeitgesetzes, die durch die Arbeitszeitaufzeichnung in den Fokus gerückt sind, wurden als schwer erfüllbar eingeschätzt und als Beschränkung der in Erntezeiten notwendigen Flexibilität empfunden. Eine flexiblere und unbürokratische Umsetzung der im Gesetz vorgesehenen Ausnahmeregelungen seitens der zuständigen Stellen auf Bundeslandebene könnte den Betrieben helfen, Ernteverluste zu vermeiden. Außer der Lohnhöhe ergeben sich durch den Mindestlohn Probleme bei der Umsetzung von Leistungslohnsystemen, der Erhaltung von Leistungsanreizen und einer von den Mitarbeitern als gerecht empfundenen Lohndifferenzierung. Als Folge der Begrenzung der täglichen bzw. wöchentlichen maximalen Arbeitszeit berichten die Betriebsleiter/-innen von unzufriedenen Saisonarbeitskräften, die mehr arbeiten und verdienen möchten.Als Reaktion auf den Mindestlohn hat sich der Umgang mit weniger leistungsfähigen Arbeitskräften verändert. Sie werden häufiger als vorher vorzeitig entlassen und es werden in Zukunft bereits bei der Einstellung höhere Anforderungen gestellt werden. Mittelfristig ist zu erwarten, dass Arbeitsaufwand eingespart wird, d. h. weniger Saisonarbeitskräfte eingestellt werden bzw. auch ständige Arbeitskräfte entlassen werden. Um den Arbeitsaufwand zu reduzieren bzw. die Arbeitsproduktivität zu erhöhen, planen die Betriebe teils eine Reduzierung der Anbauflächen arbeitsintensiver Kulturen, teils eine Investition in Mechanisierung. Das Sortenspektrum wird zukünftig stärker auf möglichst geringen Arbeitsaufwand bei Pflege und Ernte ausgerichtet werden. Die Fallstudien zeigen, dass die Produktionskosten von Äpfeln, Erdbeeren und Spargel bedingt durch die Einführung des Mindestlohns in 2015 in den alten Bundesländern bereits um etwa 2 % bis 5 % angestiegen sind. Für das Lohnniveau in 2018 sind weitere Kostenanstiege zu erwarten, ii Zusammenfassung/Summary die im Bereich von 7 % bis 16 % liegen werden. In den neuen Bundesländern sind die relativen Kostenanstiege mit 16 % bis 19 % noch deutlich höher. Dadurch kann es zu Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit des Anbaus kommen. Beispielsweise würden bei Erzeugerpreisen auf dem durchschnittlichen Niveau der vergangenen 10 Jahre im indirekten Absatz beim Lohnniveau in 2018 die Gewinne je Stunde eingesetzter Familienarbeitskraft im Apfelanbau teilweise unter den Mindestlohn sinken. Je nach betrieblicher Ausgangssituation sind diese Werte sehr variabel und sollten nur als Angabe von Größenordnungen verstanden werden. Allerdings variieren die Gewinne in der Landwirtschaft und im Gartenbau auch ohne Mindestlohn deutlich im Verlauf mehrerer Jahre. Die beschriebenen Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität können den Kostenanstieg deutlich abbremsen.///////Summary In this study, the effects of the introduction of a general minimum wage on German agriculture and specialty crop production on production costs and production systems are analyzed and practical problems of implementation identified. Data were collected on wages in 2014 and 2015, on adaptation strategies and expected changes in the production systems, based on expert opinion and a survey among farmers all over Germany. In the survey, respondents were also asked to rank common problems of implementation of the new laws according to their importance for their own farm. The effects of different levels of the minimum wage on production costs of apples, strawberries and asparagus were calculated based on case studies of typical farms. Results show that the minimum wage poses significant challenges to the sector. Wages for seasonal labor increased by about 11 % in 2015 compared to the year before. Also permanent labor became more expensive with an average increase of 4 % to 5 %. With regards to practical problems, the requirements of documentation of working hours and related paperwork were perceived as most important issue by survey respondents. Especially by smaller farms the administration requirements were seen as major burden. As a side effect of documenting the working hours, farmers pay much more attention to the requirements of the Working Time Act than before. These regulations however were perceived as difficult to comply with and a heavy constraint on flexibility needed during harvesting season. The minimum wage not only increases wage levels, but also limits the use of piece rate wage systems. Survey respondents found it difficult to maintain incentives and an adequate differentiation of wages gi􀇀e􀅶 i􀅶di􀇀idual differe􀅶􀄐es i􀅶 􀇁orkers’ produ􀄐ti􀇀ity. They also report that the 􀅵ostly foreig􀅶 seasonal workers would not agree with strict limitations of maximum working hours, since their interest is working and earning as much as possible during their stay in Germany. Due to the 􀅵i􀅶i􀅵u􀅵 􀇁age, far􀅵ers ha􀇀e 􀄏e􀄐o􀅵e stri􀄐ter 􀇁ith respe􀄐t to 􀇁orkers’ produ􀄐ti􀇀ity. They report that premature termination of contracts of low performing labor has become more frequent and higher standards are applied when hiring labor. In the coming years it is expected that employment of seasonal and permanent labor will be reduced. Farmers try different options to reduce labor use and increase productivity, e. g. acreage of labor intensive crops is reduced. With rising wages, investment in mechanization becomes more profitable. Cropping systems are adapted in order to reduce labor costs by focusing on varieties that need less manual crop management and allow faster harvest. The results of the case study show that production costs of apples, strawberries and asparagus have increased in Western Germany in 2015 by 2 % to 5 %. Further increases by 7 % to 16 % are expected for the wage level fixed for 2018. In the Eastern parts of the country, wages have been lower so far, hence costs are likely to increase by 16 % to 19 % until 2018. This is likely to affect profitability of production. As an example, assuming average producer prices from the last five years and the wage lavel for 2018, the return on family labor in apple production would fall below the minimum wage for some farms. These values should be seen as approximation of the magnitude of cost increases, since variation between farms can be high. Also, in agriculture, substantial variations in prices and profits are common even without minimum wages. Through the different management strategies to increase labor productivity, farms might be able to slow down the cost increases.


Issue Date:
2016-03
Publication Type:
Working or Discussion Paper
DOI and Other Identifiers:
DOI:10.3220/WP1456999876000 urn:nbn:de:gbv:253-201603-dn056425-0 (Other)
PURL Identifier:
http://purl.umn.edu/234405
Total Pages:
64
JEL Codes:
J380; Q120
Series Statement:
Thünen Working Paper
53




 Record created 2017-04-01, last modified 2017-08-29

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